Der Jahresbericht 2022 des Schweizer LGBTIQ+ Panels ist nun online

Im Jahr 2022 haben wir die 4. Umfrage des Schweizer LGBTIQ+ Panels durchgeführt, um mehr über die Situation von LGBTIQ+ Personen in der Schweiz zu erfahren. Insgesamt namen 3478 Personen aus allen Kantonen der Schweiz an unserer Umfrage teil. Wir möchten uns nochmals bei Ihnen allen für Ihre Unterstützung bedanken.  
Weiter unten finden Sie eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.

Klicken sie rechts, um zu unserem Bericht 2022 zu gelangen.

Ergebnisse der 4. Umfrage des Schweizer LGBTIQ+ Panels

Im Jahr 2022 wurden wichtige gesetzliche Änderungen für lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, intergeschlechtlichen und queeren (kurz LGBTIQ+) Personen in der Schweiz umgesetzt. Die Ehe für alle, der Zugang zur gemeinschaftlichen Adoption und künstlicher Befruchtung, die Erleichterung der Änderung des Geschlechtseintrags in offiziellen Dokumenten …

Mit den jährlichen Umfragen des Schweizer LGBTIQ+ Panels möchten wir erfassen, wie sich diese Entwicklungen auf LGBTIQ+ Personen auswirken. Wie fühlen sich LGBTIQ+ Personen? Wo erfahren sie Unterstützung, wo Diskriminierung? Inwieweit fühlen sie sich LGBTIQ+ Personen in der Schule, der Uni und der Arbeit akzeptiert? So viele Fragen, auf die die Ergebnisse der 4. Umfrage des Schweizer LGBTIQ+ Panels dank der gesammelten Daten von über 3400 Personen Antworten geben.

Kampagne rund um die Ehe für alle: Ambivalente Auswirkungen auf das Wohlbefinden

Im Jahr 2022 wurden LGBTIQ+ Personen über viele Kanäle (Plakate, soziale Medien, Gespräche) mit den Kampagnen rund um die Ehe für alle konfrontiert. Auf die Frage, wie sich diese Kampagnen auf sie ausgewirkt haben, gaben 78% der LGBTIQ+ Personen an, dass die Kampagne gegen die Ehe für alle negative Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden habe. Jedoch gaben auch 69% der Teilnehmenden eine positive Wirkung der Kampagne auf ihr Wohlbefindens an. Dieser Widerspruch lässt sich dadurch erklären, dass die Ja-Kampagne von LGBTIQ+ Personen als empowernd erlebt wurde. Dies könnte LGBTIQ+ Personen von den negativen Auswirkungen der Nein-Kampagne geschützt haben. Angehörige der LGBTIQ+ Community haben sich an mehreren Aktionen zur Unterstützung der Ehe für alle beteiligt; z.B. haben sie ihre Umgebung ermuntert, mit Ja zu stimmen (87 % der Teilnehmenden), Regenbogenfahnen angebracht (70%) oder Nachrichten in sozialen Medien gepostet (59%). Dieses Engagement war allerdings mit persönlichen Kosten verbunden: Jede fünfte Person gab an, im Rahmen ihrer Teilnahme an der Ja-Kampagne beschimpft worden zu sein.

Diskriminierung vorhanden; Zögerliches Coming-Out

Auch im Jahr 2022 waren LGBTIQ+ Personen mit mehreren Formen von Diskriminierung konfrontiert. Während sowohl Angehörige sexueller Minderheiten (z.B. schwule, lesbische und bisexuelle Personen) als auch geschlechtlicher Minderheiten (z.B. trans und intergeschlechtliche Personen) sehr häufig Witzen ausgesetzt waren und im öffentlichen Raum angestarrt wurden, wurden letztere viel stärker diskriminiert. So berichteten 76% der teilnehmenden Angehörigen geschlechtlicher Minderheiten von struktureller Diskriminierung (Schwierigkeiten bei der Änderung des Namens und des Geschlechtseintrags, fehlender dritter Geschlechtseintrag). Was das Coming Out betrifft, so ist es immer noch ein schwieriger und langwieriger Prozess. Dieser Befund wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass mehr als ein Viertel der teilnehmenden LGBTIQ+ Personen sich innerhalb ihrer Familie nicht geoutet haben.

Schule, Uni und Arbeitsplatz: Ein langer Weg zur vollen Akzeptanz

Queere Personen haben in der Schule, Uni oder Arbeit weniger das Gefühl «sich selbst sein zu können» sowie «sich zugehörig zu fühlen». Das fehlende Gefühl der Zugehörigkeit ist Angehörigen geschlechtlicher Minderheiten besonders betont. Fast jede zweite trans oder intergeschlechtliche Personen berichtet von Diskriminierung in der Schule, der Universität oder der Arbeit. Bei lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen ist es jede 5. Person. Dennoch wissen viele Personen nicht, wo sie im Falle von Diskriminierung Unterstützung bekommen könnten. So gaben knapp die Hälfte der teilnehmenden queeren Schüler*innen und Studierenden an, dass sie keine Anlaufstelle kennen würden.

Was wünschen sich LGBTIQ+ Personen für die Zukunft?

Trotz jüngster gesetzlicher Verbesserungen ist klar: LGBTIQ+ Personen sind in der Schweiz weiterhin mit Ungleichheiten konfrontiert, erfahren Diskriminierung und fühlen sich nicht voll akzeptiert. Daher ist es wichtig, nicht nur Diskriminierung zu reduzieren, sondern die Akzeptanz von LGBTIQ+ Personen zu erhöhen und über LGBTIQ+ Themen aufzuklären. Angehörige geschlechtlicher Minderheiten fordern darüber hinaus weitere Optionen beim Geschlechtseintrag, ein Schutz durch das Antidiskriminierungsgesetzt, der Zugang zu sicherer Gesundheitsversorgung, geschlechtsneutrale Infrastruktur und ein Recht auf körperliche Unversehrtheit von intergeschlechtlichen Kindern.

Was ist das Schweizer LGBTIQ+ Panel?

Das Schweizer LGBTIQ+ Panel wird von Dr. Tabea Hässler (Universität Zürich) und Dr. Léïla Eisner (Universität Princeton und Universität Zürich) geleitet. Es handelt sich um eine Längsschnittstudie, die seit 2019 jährlich (2019, 2020 und 2021) die Situation von LGBTIQ+ (lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, intergeschlechtlichen und queeren) Personen in der Schweiz untersucht. Im Jahr 2022 haben 2’500 LGBTIQ+ und 900 cis-heterosexuelle (d.h. heterosexuelle Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt) Personen die Umfrage ausgefüllt.

Ziel des Schweizer LGBTIQ+ Panels ist es, unser Verständnis darüber zu erweitern, wie sich LGBTIQ+ Personen in die Schweizer Gesellschaft integriert fühlen. Darüber hinaus ist es ein zentrales Anliegen zu erfassen, wie sich die Situation im Laufe der Zeit ändert.

Dies ist wichtig, da wir derzeit nur sehr wenig darüber wissen, wie sich die Meinungen zu und die Zufriedenheit von LGBTIQ+ Personen im Laufe der Zeit allmählich oder akut als Reaktion auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse (z. B. Erweiterung des Antidiskriminierungsgesetzes, Legalisierung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare) ändern können.

Wir glauben, dass die Erkenntnisse des Schweizer LGBTIQ+ Panels und die Studie zur Ehe für Alle eine hohe praktische Relevanz für LGBTIQ+ und cis-heterosexuelle Personen, Menschen im Bildungskontext, LGBTIQ+ und andere gemeinnützige Organisationen, Praktiker*innen und politische Entscheidungsträger*innen haben, die auf die Förderung der Gesundheit und Integration von LGBTIQ+ Personen abzielen.